Am 1. September 2014 ist ein Beamter des Finanzamts Rendsburg in seinem Büro erschossen worden. Der Täter, ein Steuerberater, wurde noch vor Ort festgenommen, Hintergrund war ein Streit über Steuerschulden. Der Fall hat im Herbst 2014 eine Debatte über Gewalt in deutschen Behörden ausgelöst. Der Deutsche Beamtenbund warnte vor einer drastischen Zunahme und forderte einen Katalog an Schutzmaßnahmen.
Wie verbreitet Angriffe auf Beschäftigte sind
Rendsburg war kein Einzelfall. Die „Welt“ erinnerte an eine Mitarbeiterin einer Führerscheinstelle im Kreis Schleswig-Flensburg, die 2013 erstochen wurde, an den Landrat von Hameln-Pyrmont, der im selben Jahr in seinem Amtszimmer erschossen wurde, und an die Tat in Karlsruhe 2012, bei der unter anderem ein Gerichtsvollzieher starb. Die meisten Übergriffe enden glimpflicher, gehören aber laut dem Bericht längst zum Alltag vieler Amtsstuben.
Eine bundesweite Untersuchung der Hochschule Darmstadt aus dem Jahr 2012 mit mehr als 30 beteiligten Behörden ergab ein deutliches Bild. Fast alle Befragten kannten verbale Konflikte, 66 Prozent Beleidigungen und 51 Prozent Drohungen. 13 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt, 2 Prozent von Waffengewalt. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen sprach von einer Beleidigungskultur, die das Personal fast als normal empfinde. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden solche Taten nicht gesondert erfasst, ein amtliches Lagebild fehlte.
Was der Beamtenbund und die Politik vorschlugen
Der dbb-Vorsitzende Klaus Dauderstädt sah das Problem nicht auf Großstädte beschränkt. Betroffen seien Sozialverwaltungen ebenso wie Kfz-Zulassungsstellen. Er beschrieb eine Verrohung im Umgangston und einen Staat, der für viele nicht mehr als respektierte Institution gelte. Der Beamtenbund forderte Deeskalationsschulungen für Beschäftigte mit Konfliktpotenzial, bauliche Veränderungen, wo sinnvoll Metalldetektoren am Eingang und einen Notfallknopf am Schreibtisch, wie ihn Banken kennen. Auch Einzelbüros stellte Dauderstädt infrage. Auf Bundesebene gab es laut dem Bericht noch keine Einigung. In Schleswig-Holstein kündigte das Finanzministerium an, die Alarmsysteme der Finanzämter zu prüfen und zu erweitern. Ministerin Monika Heinold sagte: „Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, aber was wir tun können, werden wir machen.“
Wie sich die Forderungen heute umsetzen lassen
Die Vorschläge von damals lassen sich in jeder Verwaltung schrittweise umsetzen. Grundlage ist eine Gefährdungsbeurteilung, die festlegt, welche Arbeitsplätze einen stillen Alarm brauchen und wer im Alarmfall kommt. Orientierung geben die Sicherheitsstandards wie das Aachener Modell. Technik allein genügt nicht, ein Deeskalationstraining bereitet Teams auf schwierige Gespräche vor. Wie Städte das heute organisieren, zeigt unser Beitrag zur Gewaltprävention im öffentlichen Dienst.
Quelle: Die Welt, Bericht von Karsten Kammholz und Manuel Bewarder vom Oktober 2014
