Geiselnahme im Jugendamt Pfaffenhofen

Am 6. November 2017 hat ein 28-jähriger Mann im Jugendamt Pfaffenhofen an der Ilm eine 31-jährige Sachbearbeiterin mit einem Messer bedroht und in ihrem Büro festgehalten. Nach fünfeinhalb Stunden überwältigte das Spezialeinsatzkommando den Mann und befreite die Frau. Sie wurde leicht verletzt und ins Krankenhaus gebracht, auch der Täter erlitt leichte Verletzungen.

Wie es zu der Geiselnahme kam

Nach Angaben der Polizei klingelte der Mann gegen 8.15 Uhr an der Pforte und bat offenbar ohne vorherige Vereinbarung um ein Gespräch mit der Sachbearbeiterin. Sie willigte ein, im Büro im Dachgeschoss spitzte sich die Lage dann zu. Bei einem Fluchtversuch zog sich die Frau leichte Schnittverletzungen zu. Eine Kollegin hörte ihre Hilferufe und verständigte die Polizei. Als Hintergrund nannte die Polizei, dass das Jugendamt dem Mann und der Mutter seiner einjährigen Tochter per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht hatte entziehen lassen. Diese Entscheidung habe er nicht hinnehmen wollen.

Wie die Polizei die Lage löste

Die Polizei räumte das Gebäude, sperrte die umliegenden Straßen und war mit mehr als 330 Beamten im Einsatz. Da der Mann die Rollläden heruntergelassen hatte, gab es keinen Sichtkontakt. Die Verhandlungsgruppe erreichte ihn schließlich telefonisch. Er verlangte, das Kind an die Mutter zurückzugeben, und forderte eine Schusswaffe sowie einen Arzt für die verletzte Frau. Laut Herbert Wenzel, Vizepräsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, sahen die Beamten während der Gespräche keine akute Lebensgefahr für die Geisel und setzten auf Deeskalation.

Im Lauf des Tages ging es der Frau zunehmend schlechter. Als sie erneut nach einem Arzt fragte, nutzte das SEK kurz nach 13.40 Uhr die Gelegenheit zum Zugriff und setzte dabei einen Taser ein. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann kündigte noch am selben Tag an, die Sicherheitskonzepte für Behörden erneut zu prüfen. Zugleich sollten Verwaltungen bürgernah bleiben: „Wir können nicht hinter jedem Bürger einen potenziellen Täter sehen.“

Was Jugendämter aus dem Fall ableiten können

Entscheidungen über das Sorgerecht gehören zu den belastendsten Themen, mit denen Behörden zu tun haben. Eine Gefährdungsbeurteilung sollte deshalb auch klären, wie mit unangemeldeten Besuchen in laufenden Konfliktfällen umgegangen wird und ob solche Gespräche in Räumen mit zweitem Ausgang oder in Anwesenheit einer weiteren Person stattfinden. Hilfreich sind die Stufen des Aachener Modells, die in den Sicherheitsstandards beschrieben sind. In Pfaffenhofen bemerkte eine Kollegin die Notlage nur durch die Hilferufe. Mit einem stillen Alarm kann eine bedrohte Person unauffällig Kolleginnen, Kollegen oder einen Sicherheitsdienst informieren, bevor die Situation eskaliert. Seminare zur Deeskalation bereiten Beschäftigte darauf vor, Warnsignale früh zu erkennen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Bericht von Andreas Glas vom 6. November 2017