Fast jeder Vierte erlebt Gewalt im Job

Geballte Faust in Schwarz-Weiß vor dunklem Hintergrund, Beitrag zu Gewalt am Arbeitsplatz

Ende Juni 2022 hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser in Berlin eine Studie zu Übergriffen auf Beschäftigte im öffentlichen Dienst vorgestellt. 23 Prozent der Befragten gaben an, im Dienst bereits Gewalt erfahren zu haben, zwölf Prozent sogar mehrmals innerhalb eines Jahres. Gemeint sind Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe. Faeser bezeichnete das Ergebnis als erschütternd.

Wen die Übergriffe besonders häufig treffen

Für die Untersuchung wurden mehr als 10.000 Beschäftigte aus über 1600 Behörden befragt, die Polizei war nicht einbezogen. Zwischen den Arbeitsbereichen gibt es große Unterschiede. Bei Feuerwehr und Rettungsdienst, im Veterinäramt, im Ordnungsamt und im Justizvollzug berichtete ein Drittel oder mehr von Gewalt, Bedrohung oder Beleidigung innerhalb eines Jahres. In Hochschulen, in der Sozial- und Arbeitsverwaltung sowie in der Justiz lag der Anteil unter zehn Prozent. Männer waren etwas häufiger betroffen als Frauen.

Nach der Studie haben die Vorfälle während der Corona-Pandemie zugenommen. Die Forscher sahen den Anstieg vor allem in Bürgerämtern, bei Gerichtsvollziehern und im Ordnungsamt. Um sich selbst ein Bild zu machen, besuchte Faeser zusammen mit Gewerkschaftsvertretern das Ordnungsamt Berlin-Mitte und ließ sich von Beschäftigten schildern, was sie erlebt haben.

Warum so wenige Fälle gemeldet werden

Nur rund 30 Prozent der Übergriffe gingen an Vorgesetzte oder eine andere Stelle. Die Autoren sprechen deshalb von einer Dunkelziffer von 70 Prozent. Viele Befragte nannten als Grund den bürokratischen Aufwand einer Meldung. Für die Betroffenen haben die Erlebnisse spürbare Folgen: 44 Prozent gehen seither mit einem unguten Gefühl zur Arbeit, jeder Vierte klagte über psychische Beschwerden wie Schlafstörungen, depressive Verstimmungen oder Depressionen.

Faeser forderte eine konsequente Strafverfolgung und kündigte an, mit den Gewerkschaften an besserer Prävention und mehr Schutz für die Beschäftigten zu arbeiten. Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender des Deutschen Beamtenbundes, verlangte, Angriffe systematisch zu erfassen und Prävention sowie Nachsorge auszubauen. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi sah in der Gewalt gegen Beschäftigte kein Randproblem. Sie kritisierte, dass Betroffene häufig keine Unterstützung durch ihre Vorgesetzten erhielten und sich viele im Dienst nicht sicher fühlten.

Was Dienststellen aus der Studie mitnehmen können

Wenn sieben von zehn Vorfällen nicht gemeldet werden, fehlt die Grundlage für eine realistische Gefährdungsbeurteilung. Ein einfaches Meldeverfahren mit wenig Formularaufwand und eine Leitung, die Meldungen ernst nimmt, sind deshalb ein sinnvoller erster Schritt. Für Bereiche mit viel Publikumsverkehr gehört ein Notfallplan dazu, der klar regelt, wer in einer bedrohlichen Situation hilft. Mit einem stillen Alarm am Arbeitsplatz können Beschäftigte Kolleginnen und Kollegen unauffällig herbeirufen, im Außendienst leistet das eine Alarm App auf dem Smartphone. Ebenso wichtig sind Nachsorge für Betroffene und ein Deeskalationstraining, damit angespannte Gespräche seltener kippen. Wie Städte solche Maßnahmen umsetzen, zeigt unser Beitrag zur Gewaltprävention im öffentlichen Dienst.

Quelle: tagesschau.de, Bericht aus dem Juni 2022