Gewalt gegem Pflegekräfte: Treten, schlagen, spucken

Pflegekraft mit Stethoskop und Klemmbrett vor einer Patientin, Beitrag zu Gewalt gegen Pflegekräfte

Im September 2021 haben das ARD-Politikmagazin Report Mainz und „Zeit Online“ über eine Online-Umfrage unter Klinikbeschäftigten berichtet. Von mehr als 1.000 Teilnehmenden gaben 81 Prozent an, bei der Arbeit körperlich angegriffen worden zu sein, meist von Patienten oder Angehörigen und am häufigsten durch Tritte. Fachleute sehen die Krankenhäuser in der Pflicht und fordern Schutzkonzepte.

Was die Umfrage zeigt

Entworfen haben den Fragebogen die frühere Pflegekraft Kathrin Hüster, die rund 20 Jahre im Beruf war und sich heute für die Rechte von Pflegekräften einsetzt, und die Polizistin Ramona Thiem. Beide verbreiteten ihn aus eigener Initiative über Twitter. Auslöser waren Beiträge unter dem Hashtag #respectnurses, in denen Beschäftigte Angriffe schilderten und Fotos ihrer Verletzungen zeigten. Thiem schloss daraus auf ein großes Dunkelfeld.

Neben Tritten nannten die Befragten Faustschläge, Ohrfeigen und Angriffe mit Gegenständen. Die meisten Übergriffe geschehen laut Hüster nicht in der Psychiatrie, sondern auf Normalstationen, gefolgt von Notaufnahme und Intensivstation. Eine junge Intensivpflegerin aus Hamburg beschrieb Patienten, die betrunken sind, unter Drogen stehen oder in einer psychischen Ausnahmesituation eingeliefert werden. Angespuckt zu werden, obwohl man helfen will, empfindet sie als demütigend.

Warum die Zahlen ernst zu nehmen sind

Repräsentativ ist die Befragung nicht. Ihr Ergebnis passt aber zu einer früheren Untersuchung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in 81 Kliniken. Dort berichteten ebenfalls 80 Prozent der Pflegekräfte von Gewalt in den zurückliegenden zwölf Monaten, 70 Prozent von körperlicher Gewalt. Die BGW-Psychologin Claudia Vaupel sieht darin eine Ursache für Schlafstörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. Manche Betroffene geben den Beruf ganz auf. Weil viele Übergriffe als Teil der Arbeit hinnehmen, wird selten offen darüber gesprochen. Vaupel hält dagegen, dass jeder Beschäftigte Anspruch auf einen sicheren Arbeitsplatz hat.

Wer für den Schutz zuständig ist

Die Pflegewissenschaftlerin Prof. Martina Hasseler wirft vielen Arbeitgebern vor, ihre Fürsorgepflicht zu unterschätzen und das Thema aus Sorge um den Ruf zu verschweigen. Die Krankenhausgesellschaft hielt verpflichtende Präventionskonzepte dagegen nicht für nötig, weil die Belastung je nach Standort sehr unterschiedlich sei. Das Bundesgesundheitsministerium sah die Verantwortung ebenfalls bei den Kliniken.

Liegt die Zuständigkeit bei den Häusern, gehört Gewalt in die Gefährdungsbeurteilung jeder Station und nicht nur der Psychiatrie. Dazu zählen regelmäßige Seminare und Workshops zur Deeskalation, eine verlässliche Nachsorge nach Übergriffen und die Möglichkeit, im Patientenzimmer unauffällig Kolleginnen und Kollegen zu rufen, zum Beispiel über einen stillen Alarm. Wie Kliniken das umsetzen, beschreibt unser Beitrag zum stillen Alarm im Krankenhaus.

Quelle: Report Mainz (ARD) und „Zeit Online“, Berichterstattung vom September 2021