Werden die Menschen immer aggressiver?

Im April 2018 ist die Mittelbayerische Zeitung der Frage nachgegangen, ob Menschen in der Oberpfalz aggressiver werden. Behörden, Kliniken und Polizei berichteten von mehr Beleidigungen und Übergriffen und setzen verstärkt auf Deeskalation und Sicherheitsdienste. Ein Regensburger Kriminologe sieht dagegen keine belegte Zunahme der Gewalt, sondern vor allem eine gewachsene Sensibilität.

Wie Verwaltungen und Kliniken reagieren

Die Stadt Regensburg richtete 2018 eine neue Stelle für Sicherheit am Arbeitsplatz ein, bis dahin hatte dort nur das Jobcenter Wachpersonal. Personalreferent Karl Eckert beobachtet eine sinkende Hemmschwelle gegenüber Behörden, spricht aber von bislang sehr seltenen eskalierten Fällen. Die neue Fachkraft soll Ämter mit erhöhtem Risiko ermitteln und mit Sicherheitstechnik ausstatten, als Beispiel nannte Eckert ein Alarmierungssystem. Vorrang habe die Prävention.

Weiter sind die bayerischen Arbeitsagenturen und Jobcenter. Nachdem 2014 ein psychisch kranker Mann im Jobcenter Rothenburg ob der Tauber einen Psychologen erstochen hatte, entstand ein umfassendes Sicherheitskonzept mit externen Kräften am Eingang und auf den Fluren, Büros mit freien Fluchtwegen und Deeskalationsschulungen. Eine vollständige Sicherheit gebe es trotzdem nicht, betonte Sprecherin Olga Saitz.

In München, Nürnberg und Ingolstadt empfangen nach Übergriffen Sicherheitsdienste die Besucher der Kliniken. Im Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, wo bisher ein Pater am Empfang hilft, wird ein Wachdienst erwogen. Im Notfallzentrum kommt es laut Sprecherin Svenja Uihlein ein- bis zweimal im Monat zu versuchten Angriffen. Das Uniklinikum setzt auf Deeskalationstraining und Schichten, in denen immer erfahrene Kräfte im Dienst sind.

Was die Zahlen hergeben

Nach einer Umfrage des Ärztlichen Nachrichtendienstes werden 44 Prozent der Ärzte oder ihr Personal mindestens einmal pro Woche grob beleidigt, jeder vierte Arzt hat körperliche Gewalt erlebt. Das Polizeipräsidium Oberpfalz meldete insgesamt historisch wenige Straftaten, bei Gewaltdelikten aber ein Plus von 2,3 Prozent. Bei Angriffen auf Polizisten sprach Sprecher Albert Brück für 2017 von stark steigenden Zahlen, 2016 waren es 519 Anzeigen.

Prof. Dr. Henning Müller von der Universität Regensburg hält die Zunahme dennoch für einen gefühlten Eindruck. Die Gesellschaft sei sensibler, zeige mehr Fälle an, und Medien berichteten häufiger. Der Psychiater Prof. Dr. Reinhard Haller sieht dagegen eine „aggressive Dauerspannung“, für die vielen Menschen ein Ventil fehle.

Was Einrichtungen daraus ableiten können

Ob die Gewalt statistisch zunimmt oder nicht, für den einzelnen Arbeitsplatz zählt die konkrete Gefährdung. Der Regensburger Weg, zuerst die Bereiche mit erhöhtem Risiko zu bestimmen und dann gezielt auszustatten, entspricht dem Vorgehen, das die Sicherheitsstandards vorsehen. Ein mehrstufiges Alarmierungssystem und regelmäßiges Deeskalationstraining ergänzen sich dabei.

Quelle: Mittelbayerische Zeitung, Bericht vom 5. April 2018